„Unnachahmlich gut: Ein Plädoyer für echtes Leder”

Moderne Verbraucher sind sich beim Einkauf ihrer Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst. Bei der Wahl von Kleidung und Schuhen werden gerne die gleichen Kriterien angewendet, wie sie auch beim Kauf vom Lebensmitteln angelegt werden:

Die Produktionsbedingungen des Schuhwerks oder Kleidungsstück sowie die Herkunft der Rohstoffe sollen möglichst transparent sein, ausbeuterische Herstellungsprozesse und Kinderarbeit sollen vermieden werden, die Rohstoffe sollen rein biologisch ohne Verwendung von Mineralöl und Kunststoffen entstanden sein und, wer es noch besser für sich und die Umwelt meint, achtet auf ein veganes Gütesiegel.

Kann der älteste Rohstoff der Welt moderne Verbraucher überzeugen?

Bei der Übertragung dieser Bewertungskriterien von Lebensmitteln auf Kleidung und Outdoor-Ausrüstung kommen Produkte aus Leder auf den ersten Blick nicht besonders gut weg, auch wenn sie mit hochwertigem Rohmaterial und handwerklich hergestellt wurden. Deshalb kommt es in den vergangenen Jahren zu einem wachsenden Angebot an Kunststoffmaterialien und Leder-Ersatzstoffen. Vielleicht lohnt sich ein zweiter Blick: Können diese in Bezug auf Nachhaltigkeit und Tragekomfort dem traditionellen Leder wirklich das Wasser reichen?

Die zweite Haut aus der Natur

Wir fragen Lorenz Perwanger, den Inhaber der Südtiroler Traditions­gerberei Perwanger und einen der Erfinder des modernen Berg­schuhs: Wie schneidet Leder im Vergleich zu Kunststoffmaterialien zum Beispiel bei Komfort und Langlebigkeit von Bergschuhen ab?

Die Antwort fällt unmissverständlich zugunsten des Leders aus: „Lebendige Haut ist ein Kunstwerk der Natur: Sie schützt seine Träger vor Kälte, Schmutz und Wetter, sie ist absolut wasserdicht und sie lässt beim Schwitzen dennoch Feuchtigkeit von innen in die Umgebungsluft entweichen. Unser Ziel ist seit jeher bis heute, diese positiven Eigenschaften der natürlichen Haut im Leder zu konservieren – und diese hinsichtlich der Langlebigkeit und Robustheit noch übertreffen. Genau das können unsere Leder inzwischen wirklich bieten: Wir liefern unser Spezial-Leder Nepal zum Beispiel für die Produktion der anspruchsvollsten Outdoor-Schuhe weltweit – für den alpinen Spitzensport genauso wie für Forstschuhe und Motorradstiefel. Denn Perwanger Nepal vereint eben diese natürlichen Komfort- und Klimaeigenschaften, welche mit Kunststoffprodukten nur schwer nachzuahmen sind, mit überzeugendem Tragekomfort und Kratzfestigkeit. Unser Leder ist deshalb ganz besonders dann gefragt, wenn es um Zuverlässigkeit und Spitzenleistung geht.”

An der enthusiastischen Antwort von Lorenz Perwanger lesen wir seine Faszination für dieses Material ab, das dem Menschen schon seit Jahrtausenden Schutz vor Nässe, Hitze und Kälte bietet. Und damit ist er nicht allein, denn der Werkstoff Leder ist ein wahrer Allrounder und wird bei Schuhen, Kleidung, Mode- und Living-Accessoires sowie Möbeln eingesetzt. Leder überzeugt nicht nur mit Haptik und Optik, sondern bringt eben auch viele funktionale Eigenschaften wie Langlebigkeit, Reißfestigkeit und Atmungsaktivität mit.

Obwohl das Haltbarmachen der Tierhaut durch Gerben wahrscheinlich das älteste Handwerk der Menschheitsgeschichte ist, werden moderne Gerbverfahren kontinuierlich weiter verfeinert und verbessert. Mit dieser Innovationsbereitschaft ist es der naturverbundenen Südtiroler Familie Perwanger gelungen, das erste wasserdichte und mit der Sohle verklebbare Leder zu produzieren. Eigenschaften, welche die Herstellung unserer modernen atmungsaktiven und wasserdichten Berg- und Wanderschuhe überhaupt erst möglich gemacht haben. Doch werden nicht nur die Ledereigenschaften verbessert, sondern auch der Tierschutz und die Umweltbilanz im Herstellungsprozess stehen im Fokus europäischer Gerbereien.

Modernes Perwanger Leder vereint Komfort und Atmungsaktivität mit Kratzfestigkeit und langer Lebensdauer.

Notwendigkeit für Umweltschutz: PFC-freie Materialien

Unbedenkliche Herstellungsverfahren sollten nicht nur beim Leder Grundbedingung für alle Outdoor-Produkte sein. Viele Hersteller haben auf die Forderungen der Verbraucher nach Transparenz bereits reagiert und legen die Produktionsbedingungen offen.

Beim Thema PFC jedoch spielt die naturverbundene Outdoor-Branche mit ihrem Ruf. PFC-Stoffe verleihen Outdoor- und Arbeitskleidung wie Jacken oder Schuhen wasser-, fett- und schmutzabweisende Eigenschaften und werden deshalb gerne eingesetzt. Unter dem Begriff PFC werden perfluorierte und polyfluorierte Chemikalien zusammengefasst. Es handelt sich häufig um äußerst kontrovers diskutierte PTB-Stoffe, die persistent (dauerhaft), bioakkumulativ (in der Natur und Organismen anreichernd) und toxisch (giftig wirkend) sind. Selbst kleinste Partikel, wie sie zum Beispiel aus dem Abrieb von Jacken und Schuhen entstehen, sammeln sich in der Natur an und bilden eine sich steigernde Gefahr für landwirtschaftlich nutzbare Flächen und unser Trinkwasser. PFC lässt sich bereits bis zu den entlegensten Bergseen überall in der Natur nachweisen.

Lorenz Peranger betont die Unbedenklichkeit von Leder: „Gerade beim akkumulativer und langfristiger Umweltvergiftung kann natürliches Leder besonders punkten, denn Leder ist eine hochwertige und natürliche Alternative zu PFC-behandelten Kunstfasern – Leder hinterlässt selbst nach dem Wegwerfen keine giftigen „Ewigkeitsrückstände” in der Natur. Und gekonnt gegerbtes Leder bietet auch ganz ohne PFC-Stoffe die begehrten Eigenschaften für Outdoor-Produkte: Es ist wasserdicht und gleichzeitig atmungsaktiv, es ist robust und bequem, es hält ein Leben lang und es hinterlässt keine schädlichen Rückstände in der Natur.”

Warum Leder für die Umwelt viel besser ist als sein Ruf

Beim Thema Umwelt und Leder ist der Naturmensch und Gerber Lorenz Perwanger in seinem Element:

Punkt 1: Die Häute für verantwortungs­bewusst hergestelltes Leder stammen ausschließlich aus der Fleisch- und Milchvielhaltung. Sie sind ein reines Nebenprodukt. Würden wir sie nicht zu Leder verarbeiten, müssten sie weggeworfen und vernichtet werden. Für Perwanger Leder muss kein Tier sterben.

Punkt 2: Der Umweltschutz beim Gerbprozess. In fast allen europäischen Gerbereien werden wie bei uns die Gerbverfahren stetig verbessert und es sind moderne ressourcensparende Maschinen im Einsatz. Der Umweltgedanke ist gerade den traditionsbewussten, handwerklich ausgerichteten Gerbern nicht neu. Die Gerberei Perwanger ist bereits vor mehr als 30 Jahren nach Arzignano in Italien umgezogen, um unser Wasser zu schützen. Dort findet sich eine der modernsten Kläranlagen Europas, an die wir seitdem angeschlossen sind.”

Lorenz Perwanger fährt fort: „Schließlich Punkt 3: die lange Haltbarkeit von Leder. Mit ein bisschen Pflege halten Lederschuhe ein Leben lang – früher wurden sie über Generationen vererbt. Diese außerordentlich lange Lebensdauer ist ein wichtiger Punkt bei Nachhaltigkeits­berechnungen unter dem Blickwinkel „cradle to grave” – damit ist die Berücksichtigung des Energie- und Ressourcenverbrauchs eines gesamten „Produktlebens”, von der Herstellung bis zur Vernichtung, gemeint.

Wer Dinge lange nutzt, spart damit Rohstoffe und Energie, die für die Produktion neuer Produkte erforderlich wäre, ein. Ganz abgesehen vom verantwortlichen Umgang mit einem natürlichen Rohstoff wird ein Bergschuh im Laufe der Zeit immer bequemer und die Schrunde und Macken erzählen Geschichten von den Kletter- und Wanderabenteuern, an die man gerne zurückdenkt. So ist Leder auch in diesem Punkt ein Stück wahres Leben.”

 

Für natürliches Leder gibt es keinen Ersatz

Wer durch die Regale der Outdoor-Ausrüster streift, findet eine Vielzahl moderner synthetischer Materialien. Ein Grund für das Ausweichen auf solche alternative Materialien sind die höheren Kosten, die mit aufwändig veredelten und technisch überzeugenden Ledersorten einhergehen. Nun ist es naheliegend, die bewährten positiven Ledereigenschaften auch synthetisch erzeugten Materialien zuzuschreiben. Dazu muss man noch wissen: „Leder“ ist in Deutschland kein gesetzlich geschützter Begriff und zahlreiche Ersatzstoffe werben mit den einzigartigen Eigenschaften des Originals für sich.

Der Dachverband der europäischen Gerber-Verbände COTANCE hat deshalb eine Studie in Auftrag gegeben, die klären sollte, ob solche „Pseudo-Leder“ tatsächlich dieselben Vorzüge wie das Original aufweisen. (Die englischsprachige Studie kann unter https://www.mdpi.com/2079-6412/11/2/226 abgerufen werden.) In der Studie wurden technische Materialeigenschaften wie Robustheit und Langlebigkeit oder Atmungsaktivität genauso untersucht wie die Optik oder Haptik des Materials. Obwohl manche der untersuchten Materialien einzelnen Eigenschaften echten Leders sehr nahe kamen, konnte kein einziger der geprüften Ersatzstoffe sämtliche für Leder charakteristischen Besonderheiten auf sich vereinen. Einige der untersuchten Synthetikmaterialien enthielten dagegen sogar gesundheitsschädliche oder umweltbelastende Substanzen.

„Wir freuen uns natürlich über so ein positives Ergebnis für unser traditionell hergestelltes Leder”, meint Lorenz Perwanger. „Zu der wissenschaftlichen Betrachtung der Studie kommt es für mich natürlich auch auf die subjektiv empfunden Vorteile echten Leders an: Leder vereint die edelsten Charaktereinschaften der natürlichen Haut. Es ist ein warmes, lebendiges Material, dem ich zutraue, dass es mich auch vor den härtesten Herausforderungen der Natur beschützt. Perwanger Leder stammt aus der Bergnatur und wird auch dort getragen. Für mich käme schon deshalb kein anderes Material für meine Bergschuhe in Frage.”